Als selbständiger Informations- und Kommunikationsdienstleister mangelte es mir in den letzten Tagen und Wochen an guten Ideen. Die kreative Energie war aufgebraucht und Abgabetermine sorgten für zusätzlichen Druck. Kurz: ein Burnout kündigte sich an – höchste Zeit für eine radikale Veränderung. Ich beschloss daher spontan, Leipzig für eine Woche zu verlassen und eine Woche in Erfurt zu arbeiten. Thüringens Landeshauptstadt ist eine der ältesten Städte Deutschlands, bekannt für seine zahlreichen Kirchen, etwa 50 an der Zahl, Türme und Brücken. Es existieren inzwischen drei Sushi-Bars (die ich nicht mehr missen möchte). Und in Erfurt befindet sich auch der einzige “Coworking Space” in Thüringen.

In solchen Bürogemeinschaften, die nicht mit klassischen Gemeinschaftsbüros oder mit Office Services vergleichbar sind, können sich Freiberufler, kleine Selbständige, aber auch Angestellte aus größeren Unternehmen, für 10 Euro am Tag einen Schreibtisch mieten, Internet-Flatrate über WLAN, Küche und Kopierer inklusive. Ein freundlicher, hilfsbereiter und sozialer Umgang untereinander steht dabei an erster Stelle. Coworking heißt: neben- und miteinander respektvoll arbeiten. Intrigen und Machtspiele, Gerangel, wer, was und wie viel zahlt, oder ein Kampf um den besten Platz, findet man hier vergeblich.

In den kommenden sechs Arbeitstagen berichte ich hier im Blog von meiner Arbeit aus dem Coworking Space Erfurt, über das Haus und die Menschen.

Nummern statt Kunden – spinnt die Deutsche Bahn?

Entspannte Anreise mit der Deutschen Bahn? Kurz vor Abfahrt möchte ich noch schnell ein Ticket und eine neue BahnCard am Leipziger Hauptbahnhof kaufen, renne zum nächsten freien Schalter im Reisecenter. “Sind Sie Nummer 855?”, fragt der Bahnmitarbeiter. Ich schaue verdutzt, muss mir erklären lassen, dass die Bahn in ihren Kartenverkaufsstellen an allen größeren deutschen Bahnhöfen ein neues Aufrufsystem mit Abreißnummern eingeführt. Ich komme mir vor wie bei einer städtischen Behörde oder beim Arbeitsamt: ich bin keine Nummer, sondern Kunde. Eine schnellere Abwicklung bringt das Verfahren nicht, im Gegenteil. Wer sich das ausgedacht hat, kann nur ein Angestellter im mittleren Management sein, der nichts von Kundenservice versteht und zu viel Zeit übrig hatte. Immerhin: der Zug ist pünktlich.

Lounge im Erfurter Coworking Space

Lounge im Erfurter Coworking Space. Foto: Jac

Einziger Coworking-Space in Thüringen

In Erfurt holen mich Robert und Stefan vom Zug ab. Wir gehen zusammen asiatisch essen. Robert Hollmann hatte vor mehr als einem Jahr die Idee, da ein ehemaliger Studienfreund und Betreiber des Coworking Space Stuttgart ihn begeisterte. Im August 2010 eröffnete Robert in einem Gebäude seines Vaters, der direkt nebenan Aufzüge produziert, einen lichtdurchfluteten Coworking Space auf zwei Etagen – und, Vater sei Dank, mit einem der wenigen behindertengerechten Zugänge, ein eigener Aufzug ist vorhanden. “Wir sind derzeit etwa 30 bis 40 Prozent ausgelastet, die Idee muss sich noch weiter rumsprechen”, meint IT- und Webentwickler Robert Hollmann. In der Erfurter Internetszene hat es sich längst herum gesprochen und so manche Webveranstaltung findet hier im Erfurter Osten, in einem ansonsten typischen Industriegebiet, statt. Vom Hauptbahnhof etwa 20 bis 30 Minuten zu Fuß entfernt.

Kunst im Empfangsbereich

Kunst im Empfangsbereich. Foto: Jac

Arbeitsraum für digitale Nomaden

Am heutigen Freitag ist es ruhig, nur drei Coworker werkeln zusammen, tauschen sich über mobile Smartphone-Apps oder Webapplikationen aus. Der Erfurter Space beherbergt aber nicht nur Schreibtische mit Technik für “digitale Wanderarbeiter” wie mich, auch Veranstaltungen, wie beispielsweise Seminare oder Kunstausstellungen finden hier statt. Was mir derzeit am besten gefällt: sehr helle Räume, es sind PCs vorhanden und der eigene Notebook kann auch mal zu Hause bleiben. Ansonsten die üblichen Dinge: Küche mit Kaffeeautomat, 50 Cent pro Kaffee, alle möglichen Getränke vorhanden, 1,50 Euro pauschal. Die Nutzer nehmen ohne zu fragen und zahlen – wie in den meisten Coworking Spaces üblich – in eine Kasse. Der Betreiber vertraut dabei auf die Ehrlichkeit seiner Mieter, kontrolliert wird nicht. Ein wenig Hippie-Flair im Internetzeitalter. Es herrscht ein freundlicher Umgangston, alle sind hilfsbereit. Geraucht wird mit Rücksicht auf die gesund lebenden Coworker nicht – ebenfalls Standard in den etwa 40 bis 60 deutschen Coworking Spaces. Als nächstes plant Robert einen Kicker, stöbert regelmäßig bei eBay nach günstigen Angeboten. Hat jemand einen Tipp?

Tischkicker vorhanden, großer Kicker gesucht

Tischkicker vorhanden, großer Kicker gesucht. Foto: Jac

Ich weiß, dass ich heute nicht mehr viel schaffen werde, genieße die restliche Nachmittags- und Abendsonne bei 10 Grad und schaue mich um: ein Grillrost darf natürlich nicht fehlen. Kein Wunder, wir sind in Thüringen, einem Bundesland, in dem die Kinder vermutlich mit der Bratwurst aufgezogen werden.

In der kommenden Woche steht bei mir sehr viel auf dem Programm: zwei Pressetexte, ein Porträt über ein Web-2.0-Unternehmen, ein Porträt über eine erfolgreiche Schuhfabrikantin. Schließlich ist Coworking kein Selbstzweck oder gar ein Kuschelurlaub. Meine Reise-, Übernachtungs- und Coworkingkosten müssen sich rechnen. Gemessen an gesteigerter Kreativität und Produktivität, dürfte die Rechnung positiv ausgehen.

Nun erst einmal ab ins Wochenende. Ich möchte mir Erfurt genauer anschauen, den berühmten Mariendom, die Krämerbrücke, die Türme und die Brücken, unter denen die Arme der Gera fließen, in denen sich gerade die untergehende Frühlingssonne spiegelt.

Am Montag hier im Blog:
Tag II – Coworking in Erfurt: Es wird ernst, die Kunden drängeln und hoffentlich spinnt die Technik nicht. Was ist mit Telefonieren? Gibt es eine Kantine oder ein Restaurant in einem verlassenen Industriegebiet? Übernachtungen?

Jürgen Christ anrufen