Die eigene Familie ist neben der täglichen Herausforderung im Beruf eine wesentliche Motivation für viele Selbständige. Doch meist verbleibt ihnen wenig Zeit, wenn das Geschäft gut läuft: Kunden drängeln, das Finanzamt will pünktlich eine Steuererklärung, der Firmenwagen muss mal wieder in die Werkstatt – und der kleine Sohn möchte mit Papa spielen. Wie schaffen Unternehmer oder Freiberufler den Spagat zwischen Arbeit und Kindern? Ich habe mich ein wenig umgeschaut und traf Markus Zapke-Gründemann, einen selbständigen Webentwickler aus Leipzig und Vater zweier Kinder, der sich Erziehung und Kinderbetreuung mit seiner angestellten Freundin teilt. Markus arbeitet zur Zeit noch im Homeoffice, plant mit Kollegen die Gründung einer GmbH & Co. KG.
Es ist Montag. Wie jeden morgen klingeln die Wecker in der Leipziger Patchwork-Familie um sechs. Vater dreht sich nochmal kurz auf Seite, denn heute ist eine Ausnahme, da der fünfjährige Jannic nicht wie jeden Morgen um acht in den Kindergarten muss. Projekttage. Britta steht auf, denn der zweite Sohn, der 13-Jährige Noel braucht Frühstück, verlässt kurz vor sieben das Haus, weil er zum Gymnasium muss. Die 34-Jährige ist angestellt und muss ihre 30-Stunden-Woche genau planen. Noel stammt aus Markus erster Beziehung, Jannic ist ihr gemeinsames Kind. Er hat heute Glück, denn Vater Markus macht Montags frei. „Natürlich ruft mal jemand an oder die eine oder andere E-Mail möchte beantwortet werden“, erklärt der 37-Jährige Leipziger. „Aber später gehen wir in den Zoo.“
Markus Zapke-Gründemann ist seit zweieinhalb Jahren selbständiger Softwareentwickler, hat sich auf eine spezielle Programmiersprache (Python) spezialisiert und ist bundesweit ein gefragter Fachexperte auf diesem Gebiet. Von 2001 bis 2005 war er alleinerziehend und berufstätig, arbeitete nur 32 Stunden wöchentlich, wenn er seinen Sohn Noel betreute, der aus seiner letzten Beziehung stammt. „In der anderen Woche war Noel dann bei seiner Mutter und ich holte die Stunden für meinen Arbeitgeber nach, was er auch akzeptierte“, erinnert sich Markus. Er war bei einer lokalen Multimedia-Agentur angestellt, konnte Leipzig nicht verlassen, da sein Sohn ihn daran „hinderte“ bei Unternehmen in anderen Städten Karriere zu machen.
Freiheit contra Selbstdisziplin
Der heutige Montag ist eine Ausnahme. Markus gab am Samstag noch Schulungen und genießt heute den Vorteil der Selbständigkeit. „Zwar ist die Produktivität an diesen Tagen nicht so hoch, aber wenn sie mal krank sind, kann ich mich um sie kümmern, wenn Britta arbeitet“, meint er. Beide Kinder sind bereits sehr selbständig, die Tür von Markus Arbeitszimmer steht offen und Jannic spielt nebenan. „Am Anfang der Selbständigkeit hatte ich viele lokale Aufträge und es gab eine Kernzeit beim Kunden vor Ort, dann habe ich Jannic vom Kindergarten abgeholt und den Rest der Zeit von zu Hause gearbeitet“, erzählt er, räumt aber ein: „Es ist ein schöner Mythos, dass wir Selbständigen uns abends nach Feierabend um acht nochmal in Ruhe an den PC setzen können. Das Problem ist Selbstdisziplin, man ist einfach vom Tag geschafft. Es gelingt nicht immer.“
Problematisch: Teamwork und Kundenprojekte vor Ort
Eigene Projekte als Freiberufler zu machen, hält er für unproblematisch. „Wenn es aber um Teamwork geht, müssen bestimmte Zeiten und Termine, auch untereinander, eingehalten werden und ich muss einfach verfügbar sein“, erklärt er die Siuation. Jannic spielt im Hintergrund, wir sitzen am Küchentisch. Plötzlich fällt Jannic vom Stuhl, eine Schrecksekunde, zum Glück nichts passiert. Markus sieht es gelassen. „Es gibt bei der Arbeit immer Unterbrechungen. Kinder zappeln halt gerne rum, sie sind nicht so zielorientiert. Und vor allem erzählen sie laufend Geschichten“.
Wechsel zwischen Kundenprojekten und Hausaufgaben
Ohne eine strikte und genaue geplante Arbeitsteilung wäre ein geregelter Arbeits- und Familienalltag für Markus und Britta undenkbar. In der Regel übernimmt Markus den morgendlichen Teil, sie holft Jannic nachmittags vom Kindergarten ab. Noel kommt Nachmittags von der Schule. Und so manches Mal muss Vater Markus von Software-Routinen zu Geographie oder Mathe wechseln, wenn es um Mithilfe bei den Schulaufgaben geht. Fast unmöglich wird es für den Selbständigen, der gerade mit Kollegen eine GmbH & Co. KG gründet, wenn die Projekte außerhalb erledigt werden müssen. Vor einem halben Jahr nahm Markus einen Auftrag in München an. Vor Ort sein, war gefragt, vor allem wenn es um direkte Kundenbetreuung, Hilfestellung und Fehlerbeseitigung ging. Er stellte seinem Kunden eine Bedingung, die er anstandslos akzeptierte: Vier Tage die Woche in München, einen Tag zu Hause. Anstrengend wurde es für seine Freundin Britta, auf der nun die alleinige Last ruhte – vom Kindergarten bis zu Freizeit und Sport. Markus fuhr Sonntagabends nach Bayern, kam Donnerstagsabend sehr spät wieder zurück. Ein Kraftakt für beide. Sie schafften den Spagat, in dem der 13-Jährige Noel für einige Wochen zu seiner richtigen Mutter zog. Nicht ganz unproblematisch: „Schwierig wird es, wenn bei Kindern feste und einspielte Abläufe unterbrochen werden. Es war eine große Belastung für alle“, erklärt Zapke-Gründemann. Mit der Zeit entstand mehr Vertrauen beim Kunden, das Projekt hatte sich fortentwickelt und er arbeitet heute nur noch drei Tage monatlich vor Ort. Und derartige Krisen und ihre Überwindung schweißen Familien zusammen.
Mit den Jahren liefen die Aufträge immer besser, er greift auf ein großes Kollegennetzwerk zurück, aus dem sich auch die Firmengründung entwickelt. „Mein damaliges Ziel war die eigene Firma. Ich sagte mir also: läuft es gut, gründe ich eine GmbH, oder ich werde wieder angestellt. Alleine schon wegen der Familie und den Kindern. Unser beider Einkommen ist wichtig, damit wir zum Beispiel auch mal in Urlaub fahren können“, meint der Unternehmer. Der nächste Urlaub ist bereits geplant und gebucht. Es geht mit den Kindern für zwei Wochen nach Kroatien. Mit dem Zug. Einige der wenigen Tage, an denen die ganze Familie fernab von Internet, Homeoffice und Kundenterminen, entspannt miteinander verbringen kann.
Markus Zapke-Gründemann, 37, begann bereits in den 90-er Jahren als Webentwickler mit HTML, Perl und PHP.
Heute ist er Spezialist und Entwickler für die Webprogrammiersprache Python, baute ein Expertennetzwerk auf und gründet zur Zeit eine GmbH & Co. KG. Der Leipziger arbeitete zuvor als leitender Entwickler für Unternehmen wie Spreadshirt, E-Werk und Unister.