Im Internet war sie zeitweise bekannt wie ein Medienstar. Kirstin Walther übernahm als Geschäftsführerin vor neun Jahren die 1927 gegründete Walther Kelterei in vierter Generation. Drei Jahre später begann sie damit, dem kleinen Familienunternehmen ein neues, ein zeitgerechtes, Image zu verpassen: Blogs, Twitter, u.a. – aus dem zahlreiche Fans und Freundschaften entstanden. Kirstin Walther versteht ihre Social Media Aktivitäten als wertvolle Ergänzung zum realen Kundendialog, nicht als Ersatz oder finanzielles Allheilmittel. Und sie ist bescheiden, trotz einem großen Medienecho um Sie als Person und Unternehmerin, beispielsweise in der New York Times.

Kirstin Walther, Geschäftsführerin der Walther Saftkelterei in Dresden. Foto: Andreas Krone, Klick-Germany

Kirstin Walther, Geschäftsführerin der Walther Saftkelterei in Dresden. Foto: Andreas Krone

Es begann zunächst mit dem Saftblog und Nachrichten aus dem Betrieb – von Gabelstapelfahrer Klaus bis hin zur neuen Ernte für die erlesenen Säfte und Probleme beim Versand. „Moderner Kundendialog“, nannte sie das: „Früher stand der Chef noch auf dem Hof und unterhielt sich mit seinen Kunden. Viele kannte er sogar mit Namen. Und im Gespräch wurden Kritik, Anregungen und auch Lob unmittelbar ausgetauscht.“

Verkaufsschlager: die Saftbox der Walther Kelterei

Verkaufsschlager: die Saftbox der Walther Kelterei

Aus dem echten Kundendialog und den zahlreichen Anregungen, aber auch Kritiken, die Kunden ganz offen für Jedermann im Blog des kleinen Dresdner Betriebs hinterlassen können, entstand ein neuer Geschäftsbereich: die Saftboxen (schon vor dem Blog). Ein Verfahren aus den USA, „Bag-in-the-Box“, von den Walthers eigens für Obstsäfte modifiziert. Das sind 3- oder 5-Liter-Boxen mit Aronianektar oder Apfelsaft, in denen die Säfte bis zu drei Monate ohne Konservierungsstoffe haltbar sind – und mit denen die Kelterei inzwischen 80 Prozent ihres Umsatzes generiert. Vertrieben werden die ‘Saftboxen’über einen eigenen Online-Shop, aber auch bundesweit über Jaques Weindepot oder regionale Supermärkte wie Konsum in Ostdeutschland.

Damit Kunden Kirstin Walther und die Aktivitäten der Kelterei den ganzen Tag über begleiten können, richtete sie zusätzlich ein Konto beim Kurznachrichtendienst Twitter ein, der ebenfalls einen direkten, öffentlichen Kundendialog ermöglichte. „Safttante“ nennt sie sich dort und schreibt über die kleinen, manchmal nicht so ernst gemeinten Dinge aus dem Alltag einer Saftkelterei und Unternehmerin. „Eines habe ich im Web 2.0 gelernt. Man muss sich selbst treu bleiben und so sein, wie man ist. Natürlich bleiben.“

Mehr als 3200 Leser (Durchschnitt sind bei Twitter weit unter 100) verfolgen heute ihre Nachrichten – und es wurden inzwischen fast 12.000 Tweets. Mit den meisten Kunden ist sie per „Du“. Kaum ein reales Treffen der „Twitterer“ oder „Blogger“ in den Anfangsjahren von Social Media in Deutschland, auf denen die „Safttante“ mit ihren „Saftboxen“ regional oder auch bundesweit nicht vertreten war. Ihre Saftboxen sind inzwischen so bekannt wie zahlreiche andere Produkte, die die Kunden im Web 2.0 selber kreiert haben.

Hinzu kamen die Facebook-Aktivitäten, die – neben Twitter – den Hauptbestandteil der Kundenkommunikation ausmachen. Rund 2000 Fans auf der Firmenseite der Kelterei, Saftfreunde, verfolgen Walthers Statusmeldungen.

Kundendialog per Videochat

Kundendialog per Videochat

Auch stand sie ihren Kunden für Fragen audiovisuell in einem eigens dafür eingerichtet Saftblog-TV zeitweise live zur Verfügung. Ob die Firmengeschichte oder die Produktion der Saftboxen – in selbst gedrehten Videoclips, die im Saftkanal oder beim Videoportal Youtube verfügbar sind, führt sie die Kunden virtuell durch den Betrieb und seinen Alltag. Ihre Radiointerviews können sich die Kunden ebenfalls online anhören.

Erst kürzlich war Kirstin Walther wieder in einer Online-Diskussionsrunde zu sehen, die einer Talkshow im Fernsehen gleicht, Titel ‘Chancen für E-Commerce bei Social und Media’.

 

 

Neben den Kunden und Mitarbeitern, die aktiv teilnehmen, integriert die Kelterei auch ihren Dialog mit den Lieferanten. Tausende von Familien strömen jeden Herbst zu den Annahmestellen der Kelterei und liefern dort ihr selbst angebautes Obst ab, erhalten im Gegenzug dafür Saftboxen. „Lohnmost“ nennt Walther das. Nach sechs Jahren Social Media und tausenden von Nachrichten, die die heute 41-jährige Walther alle selbst verfasst hat, zog sie im vorletzten Jahr Bilanz und erneuerte den Online-Auftritt, integrierte vieles unter einem Dach, was vorher nur verstreut zu finden war. „Ich bin glücklich über die damalige Entscheidung, es war überlebenswichtig für unseren Betrieb.“

Von der Safttante zur Saftfreundin und Glücksbotschafterin

Wer Kirstin Walthers Aktivitäten im Web verfolgt, stellt auch persönliche Veränderungen fest, was nicht ausbleibt, wenn eine Unternehmerin wie sie offen und ehrlich kommuniziert. Über das, was sie denkt, meint und macht. Neben ihren Service-Artikeln rund um die Säfte und die Kelterei, wie zum Beispiel über die “Pasteurisierung (Erhitzung) beim Aroniasaft” schreibt sie auch über “Glück, Burnout, Schuhe und Liebe”. Allerdings erscheinen ihre Blogbeiträge längst nicht mehr so häufig wie vor wenigen Jahren noch: der letzte Eintrag stammt von Juli 2012. Umso aktiver ist sie mit kurzen Meldungen stattdessen bei Facebook und Twitter. Ein Zeichen für die Veränderungen der Social Media Landschaft durch Facebook, begrenzte Zeitressourcen – oder gar ein Teil persönlicher Entwicklung einer jungen Unternehmerin?

In Ihrem Beitrag über Glück und Liebe schreibt Kirstin Walther im Blog: “Es klingt vielleicht bescheuert, aber ich hab endlich gelernt, dass ich nicht nur als Mensch in der Öffentlichkeit (was ich von Euch lernen durfte) sondern auch als Unternehmerin oder Chefin “im Alltag” so sein kann wie ich bin oder sein will. Und dass es völlig egal ist, was andere denken oder für richtig halten. Manche mögen denken: “Ja, na klar, bist Du blöd? Das weiß doch jeder!” – aber so einfach war es eben nicht für mich, weil ich unter einer Art “Wenn-alle-SO-sind-und-ich-nicht-dann-stimmt-mit-mir-was-nicht-Syndrom” gelitten habe.” Sie lebt das offen aus, wovon andere Unternehmer nur träumen und stattdessen kurz vor ihrem ersten Burnout stehen. Oder gar noch überlegen, was ihnen Internet, Social Media und Facebook bringen könnte.

Jürgen Christ anrufen