Deutsche Knigge-Gesellschaft warnt vor Google-Manie beim Smalltalk:

“Shakespeare ist ja auch schon 400 Jahre tot”. “Genau 397!” korrigiert uns unser Gesprächspartner nach einigen Minuten Googelei im Smartphone. Kaum eine Unterhaltung kommt noch ohne absolute Präzision aus. Daten, Zahlen, Fakten: alles wird sofort gegoogelt. Wir sind umgeben von Besserwissern, die sich nicht aufs Gespräch konzentrieren, sondern mit dem Smartphone spielen. Hilft diese Genauigkeit wirklich? Oder leidet darunter eine gepflegte Konversation? Die Deutsche Knigge-Gesellschaft gibt zu bedenken: Besser weniger präzise, dafür aber umso inniger plaudern.

“Ganz schön kalt heute! Und das bei Heizölpreisen…” Was hier als harmlose Einladung zum Small Talk gedacht war, führt sofort zur wissenschaftlichen Recherche. Der Gesprächspartner googelt die Entwicklung der Rohstoffpreise von 1973 bis heute und liefert kurz darauf präzise Zahlen bis zur siebten Stelle hinter dem Komma.

“Sicherlich versachlichen präzise Daten eine Diskussion”, meint dazu Dr. Hans-Michael Klein, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Knigge Gesellschaft, “man kann sich aber nicht auf ein Gespräch konzentrieren und gleichzeitig intensiv googeln”. Wer sich ständig mit seinem Smartphone beschäftigt, signalisiere damit seinem Gegenüber: du bist hier nicht die Nummer Eins.

Eine intime Gesprächsatmosphäre kann nicht entstehen, die gemeinsame Wellenlänge wird gestört. “Beim Sex liest man doch auch nicht parallel im Kamasutra, um vielleicht die Stellung zu optimieren”, gibt Klein zu bedenken. Präzision ist auch im Gespräch ein echter Stimmungskiller. Sie hilft nicht wirklich, es ist für die Gesprächskultur nicht wichtig, ob der Eiffelturm 324 oder 323 Meter hoch ist. Wenn die Vibrations stimmen, wenn ein Gespräch fließt und die Harmonie der Seelen kreative Gedanken zeugt, ist eine gewisse Unschärfe sogar sexy. Googeln kann man später.

In vielen wissenschaftlichen Kommunikationsmodellen wird das filigrane Zusammenspiel von Sender und Empfänger thematisiert. Da erweist sich das Smartphone als echter Störfaktor. Jeder Zauber geht verloren.

Die neuste Knigge-Regel lautet daher:
Während des Gesprächs bleibt das Handy in der Tasche. Es ist grob unhöflich, permanent mit dem Smartphone zu kommunizieren statt sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

 

Jürgen Christ anrufen