Im zweiten Teil unserer kleinen Interviewserie mit der Burnout-Expertin Sabine Freutsmiedl geht es um Hilfe und Strategien für Betroffene.

Nun ist Burnout ja wohl eher ein Thema für Ärzte oder Mediziner schlechthin, Sie aber kommen aus der Wirtschaft, verstehen sich als Unternehmensberaterin, Trainerin, als Coach. Welchen Beitrag können Sie durch Ihre Arbeit leisten?

Sabine Freutsmiedl: In zweierlei Weise, in der Prävention und bei der „Wiedereingliederung“, wie es im Fachdeutsch heißt, ich nenne es lieber Re-Integration.

Zur Burnout-Prävention muss man wissen: Burnout ist eigentlich keine Erkrankung an sich, sondern eine symptomatische Beschreibung eines Multisystemversagens von Körper und Psyche. Es ist der Endpunkt eines lang anhaltenden chronischen Stressprozesses. Charakteristische Merkmale sind körperliche und emotionale Erschöpfung, anhaltende physische und psychische Leistungs- und Antriebsschwäche sowie die Unfähigkeit, sich zu erholen.

Wie lange dauert es, bis ein Burnout erkennbar wird?

Sabine Freutsmiedl: Theoretisch lassen sich 12 Stadien einer ganz allmählichen Abwärtsspirale unterscheiden, die sich in einem Zeitraum von Jahren oder sogar Jahrzehnten vollzieht. Das bedeutet, es gibt sehr lange die Möglichkeit der Umkehr, des Zurück-Drehens, der Prävention. Dort liegt einer meiner Schwerpunkte. Wenn angezeigt auch schon in Zusammenarbeit mit Ärzten. Es geht um individuell abgestimmte Kurzzeit-Interventionen, die den Prozess stoppen und umkehren helfen. Stichpunkte dazu: Systemisches Coaching, HRV Coaching Herzbalance oder auch Stress-Ambulanz, durch die kurzfristig Betroffene und Spezialisten zusammengeführt werden.

Der zweite Schwerpunkt, die Re-Integration, ergibt sich daraus, dass Burnout-Genesene selten einfach wieder an ihren Arbeitsplatz zurück kehren können und dann alles wieder so ist wie vorher. Wo das versucht wird, gibt es eine sehr hohe Rückfallquote mit allen einher gehenden Zusatzrisiken.

Wie erklären Sie sich eine hohe Rückfallquote?

Sabine Freutsmiedl: Die Erkrankung war ja in der Regel verbunden mit einem geschützten Raum, in dem Lebensstil-Veränderungen und mentale Neuorientierungen möglich wurden, die ein erneutes Ausbrennen verhindern können. Diesen Veränderungen auch unter den normalen Belastungen des Alltags treu zu bleiben, bedarf der externen Unterstützung. In unserer Vital-Schule gibt es dazu vielfältige und vor allem regelmäßige Möglichkeiten – und für den Notfall die Stress-Ambulanz. Auch in diesem Prozess arbeite ich selbstverständlich immer dann mit Medizinern zusammen, wo es angezeigt ist.

Eine abschließende Bemerkung: Das in Ihrer ersten Frage angelegte „entweder Mediziner oder …“ läuft in der praktischen Bewältigung der Herausforderungen also auf ein „sowohl als auch“ hinaus. Und erst recht in der gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Burnout wird sich eine Haltung durchsetzen müssen, bei der es um Disziplin übergreifendes Denken und Zusammenarbeiten geht. Das zeigt sich bereits in Entwicklungen wie der Präventivmedizin und dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Lesen Sie im nächsten Teil:
Betriebliches Gesundheitsmanagement für kleine und mittelständische Unternehmen

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