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Stolz und Ungeduld haben Martina Hübner zur erfolgreichen Firmenchefin gemacht. „Warum soll eine Ostdeutsche kein guter Unternehmenskapitän sein?“ fragte die sich die heute 51-Jährige kurz nach der Wende. Damals übernahm die Sächsin eine vor dem Aus stehende Großbäckerei von der Treuhand.

Recherche/Text: Jürgen Christ sowie Cathrin Günzel und Sebastian Späthe. Fotos: Sebastian Willnow. Veröffentlicht als redigierte Fassung in der Unternehmerzeitung ‘ProFirma’.

Martina Hübner braucht keine Sekretärin, um Telefonate abzuwimmeln. Für die Firmenchefin aus dem Erzgebirge ist kein Anrufer ein lästiger Störer, egal ob Azubi, Mitarbeiter oder Geschäftspartner. Jeder wird durchgestellt. Martina Hübner ist ein neugieriger Mensch. “Ich habe für jeden ein offenes Ohr.” Denn jedes Gespräch könnte neue Ideen bringen, überall könnten neue Möglichkeiten lauern. Die größte Chance ihres Lebens ergriff sie kurz nach der Wende. Damals, 1992, stand der ehemalige VEB (*) Backwaren Annaberg kurz vor dem Aus. Seit ihrem Studium zur Diplom-Technologin hatte sie hier gearbeitet und fürchtete gemeinsam mit ihren Kollegen den Niedergang. Von der Treuhand war keine Hilfe zu erwarten: Die für Verwaltung und Abwicklung der ehemals volkseigenen Betriebe zuständige Behörde hatte vorerst mit sich selbst genug zu tun – und wartete ab. Also übernahm Martina Hübner kurzerhand die Mehrheit an der Großbäckerei.
*Volkseigener Betrieb

“Ihr könnt den Betrieb selbst übernehmen”

“Mit der Wende begann für mich das richtige Leben”, erinnert sie sich und ein strahlendes Lächeln husch über das Gesicht der zierlichen Blondine. Sie zupft ihren weißen Arbeitskittel zurecht – “meine Arbeitskleidung, immerhin sind wir ein Lebensmittelbetrieb” – und legt die Bilanzen beiseite. Ihr Geschäftsführerbüro hat den kargen Erzgebirgscharme der Anfangsjahre. Prunken ist Martina Hübners Sache nicht. Dabei hätte die Unternehmerin des Jahres 2001 allen Grund, mit Erfolgen zu protzen. Denn ihre Firma, die Annaberger Backwaren GmbH, feiert in diesem Jahr das 50. Jubiläum. Dabei sah es 1990 noch so aus, als würde der ehemalige DDR-Staatsbetrieb kein weiteres Jahr überleben. “Wir hatten 207 Mitarbeiter, die hervorragende Qualität lieferten – aber plötzlich keinen einzigen Kunden mehr.” Denn der Vertrieb war bis dahin nur über volkseigene Großabnehmer wie HO und Konsum (**) organisiert. Doch die waren mit dem eigenen Überleben beschäftigt oder einfach weg. “Viele unkten, dass nur Unternehmer aus den alten Bundesländern hier blühende Landschaften zaubern könnten. Das hat mich als Ostdeutsche wahnsinnig geärgert.” Noch heute spürt man den Zorn in der Stimme der kleinen Unternehmerin. Doch dann setzt sie wieder ihr breites Lachen auf. Martina Hübner war damals bereits Geschäftsführerin der zur GmbH umgewandelten Firma – und ihr Steuerberater aus dem Saarland meinte: “Bei euch läufen die Geschäfte doch, ihr könntet den Betrieb selbst übernehmen.” Zuerst dachte Martina Hübner dabei an ein Genosschenschaftsmodell. Doch die Belegschaft zog nicht mit: Den Kollegen war das Risiko zu groß. Kurzerhand überzeugte sie die Deutsche Bank zu einem Millionenkredit ganz ohne Eigenkapitalanteil. Das damals schlagende Argument: “Immerhin lebten wir noch – als einer der wenigen Ostbetriebe.” Sie übernahm 75 Prozent, ihr Produktionsleiter Bernhard Götz die restlichen 25. Der Kauf der Fabrik bescherte Martine Hübner über Nacht 750.000 DM Schulden. “Ich bin meiner Familie für immer dankbar, dass sie mich unterstützt haben. So wurde ich Mehrheitsgesellschafterin. Denn wenn ich schon etwas anpacke, dann möchte ich auch das Sagen haben. Fifty-Fifty führt immer zu Problemen.” Mit diesem Schachzug bootete sie zahlreiche Mitbewerber aus. Zum Beispiel Bäcker aus dem Westen, die den Betrieb für sich oder ihre Kinder kaufen wollten. “Aber auch Autohändler und Glücksritter, die nur am Grundstück oder dem Ausschlachten des Werks Interesse hatten.”
** HO = Handelsorganisation und Konsumgenossenschaft (die beiden staatlichen Handelsketten der DDR)

“Wir haben uns hier nicht vergraben”

Viele hofften auf ein schnelles Ende des DDR-Relikts – nicht zuletzt die Konkurrenz. Aber nicht mit Martina Hübner! Erste Gegenwehr des rebellischen Annaberger Backbetriebes im Überlebenskampf: “Vor dem Werkstor öffneten wir unsere erste provisorische Filiale – nur eine Hütte, aber die Keimzelle unseres jetztigen Vertriebes.” Inzwischen fliegen Stollen, Hutzenkuchen und die Leckereien des „Gutgusch’l-Sortiments” aus dem Erzgebirge sogar bis nach Übersee. Und Martin Hübner herrscht über eine Flotte von sechs mobilen Bäckereifahrzeugen und acht Lieferwagen, 33 Filialen und sechs Tagescafés. Zwischen 25.000 und 250.000 Euro investierte sie pro Filiale. Außerdem versorgt das Unternehmen mehr als 100 Fremdverkaufsstellen in Supermärkten mit Brot, Brötchen und Kuchen. Um ihr Vertriebsnetz zu spinnen, fuhr Martin Hübner selbst über Land, sprach mit Ladenbesitzern und Gastwirten. “Wir haben uns hier in Annaberg nicht vergraben. Und wir wollten von Anfang an auch wissen, wie der “Westen” tickt. Also packte ich aus jeder Abteilung einen Kollegen ins Auto und fuhr nach Darmstadt in eine Großbäckerei”, erinnert sich die rastlose Geschäftsfrau.“Erleichtert stellten wir fest: Die kochen auch nur mit Wasser. Und dann haben wir uns abgeschaut, was gut ist.”

“Unternehmensführung ist Teamwork”

Doch nicht alle Erinnerungen an die Anfänge sind verklärt. Harte Einschnitte trüben Martina Hübners soziale Bilanz. “Viele Kollegen musste ich entlassen. Sie waren fleißig, aber ihre Arbeit wurde einfach nicht mehr gebraucht.” Mit vielen war sie per Du – wie zu DDR-Zeiten üblich. Hilfe suchte sie bei einem Unternehmensberater, “natürlich aus den alten Bundesländern”. Jeder Mitarbeiter musste zunächst aufschreiben, was er so den ganzen Tag macht. “Denn das wichtigste für ein Unternehmen sind die richtigen Leute am passenden Platz.” Wer keine überlebenswichtige Aufgabe hatte, musste gehen. Wo es möglich war, wurde das durch Vorruhestand abgefedert. Doch es fiel ihr schwer, die harten einschneidenden Entscheidungen zu übermitteln oder auch “Nein” zu sagen. “Das musste ich erst lernen. Zunächst konnte ich immer sagen: ‘Das hat der Herr Unternehmensberater so festgestellt’.” Inzwischen hat die Chefin “ihre Leute”, die unangenehme Konsequenzen besser “herüberbringen” können. Sich selbst sieht die Geschäftsfrau hauptsächlich als “Koordinatorin”: “Ich bringe die richtigen Leute an die richtige Stelle. Auf keinen Fall würde ich alles allein regeln wollen. Unternehmensführung ist Teamwork.” Dass der schwere Weg der richtige war, zeigt sich heute: Die zwischenzeitlich auf unter einhundert Mitarbeiter geschrumpfte Belegschaft wuchs inzwischen erneut auf 200 an. Mittlerweile ist die Annaberger Backwaren GmbH wieder einer der größten Arbeitgeber der Region, macht sich für den Nachwuchs stark und wurde 2000 und 2006 zum Besten Ausbildungsbetrieb gekürt. “Manchmal muss man auch schmerzliche Veränderungen zulassen. Trägheit ist in der Geschäftswelt das Todesurteil.”

“Alles in Frage stellen – Tag für Tag”

Tot ist ein Unternehmen vor allem ohne seine Mitarbeiter, das geht Martina Hübner durch den Kopf, wenn sie Sonntagmittag durch ihre Werkhallen läuft. “Es lebt nur, wenn die Maschinen laufen, Menschen etwas schaffen und sich dabei auch wohlfühlen.” Wenn die zierliche Frau ihren Betrieb inspiziert, nimmt sie sich immer Zeit für einen Schwatz mit den Mitarbeitern. “Ich bin kein Chef, der brüllt. Das bringt nichts. Aber vor Jahren bin ich mal laut geworden, habe einen Bäcker zusammengestaucht und da hat er geweint.” Manchmal geht es ihr eben nicht schnell genug. “Ich gebe nicht gern etwas auf, was ich angefangen habe und will den Erfolg.” Martina Hübner lebt ihren Ehrgeiz, die Zielstrebigkeit spüren auch ihre Mitarbeiter und kaum einer stellt ihre Entscheidungen in Frage. Ihr Engagement sorgte schon zu DDR-Zeiten für eine steile Karriere. Mit 26 Jahren stieg sie zur Produktionsleiterin auf, wurde mit 32 stellvertretende Betriebsleiterin. “Ich sehe mich auch nicht als Opfer der DDR, stieß mich aber bald an deren Grenzen. Gestört hat mich die Starrheit des Systems. Es war eingefahren, jeder Tag verging gleich, Veränderungen waren kaum möglich und auch nicht erwünscht.” Das hat sie heute ins radikale Gegenteil umgekehrt. Ihr Motto: “Alles in Frage stellen – Tag für Tag.”

Die Region zu Marke machen

Täglich neue Visionen fordert auch die Globalisierung. Doch weltweite Öffnung ist für Martina Hübner kein Grund zum Klagen, sondern Wettkampf. “Wir sitzen hier am Ende der Republik, merken den enormen Preisdruck aus Tschechien unmittelbar.” Zur heftigen Konkurrenz aus dem Osten gesellt sich der Kampf um Marktanteile mit etablierten Bäckereiketten aus dem Westen. Hübners Antwort auf Globalisierung, Preisverfall und Konzentration heißt: In der Region die eigene Marke stark machen und gleichzeitig die Region zur Marke machen. Denn die Globalisierung beginnt im Erzgebirge. Deshalb erweiterten die Annaberger ihren Aktionsradius von “50 Kilometern um den Schornstein” bis in die USA, nach Kanada, Skandinavien und Italien. Auch wenn die Region Sachsen bis heute Hauptabsatzmarkt ist, entwickelte sich der Versandhandel zu einem wichtigen Umsatzbringer. Mittlerweile ordern 20.000 Kunden Erzgebirgs-Spezialitäten. Besonders beliebt im “Ausland”: Der “Erzgebirgische Butterstollen” – “der ist mindestens so gut wie der Dresdner”, verkündet Hübner stolz. “Der Dresdner Stollen ist nur bekannter, weil er schon zu DDR-Zeiten exportiert werden durfte.”

Doch Hübner weiß auch: Erlebnisse sagen mehr als Worte. Deshalb lockt sie Touristen in die Annaberger Backstuben. Die dürfen dort ihren Stollen selber backen – und gleichzeitig Geld in der Region lassen. “Wir haben jedes Jahr rund 3000 Gäste im Haus.” Ihre neuen Ideen schlagen sich auch positiv in den Bilanzen nieder: Seit acht Jahren schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen, setzt acht Millionen Euro jährlich um. Und die Chefin hilft dabei kräftig mit. Ihr täglich “Normannenbrot” kauft die Familie Hübner natürlich im eigenen Betrieb. Doch manchmal geht sie auch fremd. “Dann prüfe ich andere Bäckereien auf Qualität und vergleiche natürlich den Preis.”

Zu Hause ist der Mann der Boss

Doch Stollen und Brot allein reichen der quirligen Geschäftsfrau schon lange nicht mehr. Seit 2001 ist ihr Unternehmen Merheitsgesellschafter der Annaberger Modellbahnen GmbH & Co. KG. – Europas größte 1-Spur-Eisenbahnanlage auf mehr als 800 Quadratmetern soll noch mehr Neugierige von Außerhalb anziehen. “Unsere Visionen sind Treibmittel für erfolgreiche Geschäfte der Zukunft”, glaubt Martina Hübner. Doch die Power-Frau braucht auch ruhige Stunden: Zu Hause ist ihr Mann Steffen der Boss. “Dass er privat fast alles organisiert, ist mir sehr lieb.” Doch er hält ihr nicht nur zu Hause den Rücken frei, er zählt auch zu ihren besten Mitarbeitern, ist technischer Leiter im Unternehmen. Der Firmenslogan “Mit Liebe gebacken” bekommt so noch eine weitere Bedeutung. “Nicht jeder Mann würde es wohl verkraften, dass seine Frau gleichzeitig seine Chefin ist. Glücklicherweise begegnen wir uns im Arbeitsalltag nicht auf Schritt und Tritt. Er nimmt es auch gelassen, dass ich manchmal schwer abschalten kann und erinnert mich nur: ‘Jetzt sind wir aber zu Hause und nicht in der Bäckerei.’” Einziger Wermutstropfen: In den letzten Jahren blieb wenig Zeit für die beiden Kinder. Ob diese den Betrieb einmal übernehmen, steht in den Sternen. Die Tochter ist Berufsmusikerin, der Sohn studiert Chemie. “Lebensmittelchemie ist ja schließlich auch Chemie”, lacht Martina Hübner spitzbübisch. “Aber ich überlasse es ihnen, ob sie in meine Fußstapfen treten möchten.” Eines will sie aber auf keinen Falle: Arbeiten bis zum Umfallen. “Ich habe meine Entscheidung nie bereut, Unternehmerin zu werden. Doch man muss auch irgendwann loslassen können.” Auf ewig möchte sie den Chefinnensessel nicht blockieren. “Es gibt Unternehmer, die sterben fast auf ihrem Bürostuhl. Aber mit dem Alter schwindet die Lust, Neues zu entdecken und einzuführen.” Noch allerdings macht ihr das “Regieren” zu viel Spaß – obwohl sie einst mit 50 in Rente gehen wollte. An ihren Posten klammern wird sie sich aber nie. “Es gibt noch so vieles Schönes zu erleben. Deshalb kann ich mir auch vorstellen, meine Anteile zu verkaufen. Aber nur in gute Hände.”

Kurze Firmengeschichte

1957 Gründung VEB Backwaren Annaberg
1977 Neubau Großbäckerei Annaberg in Geyersdorf
1980 Martina Hübner beginnt als Technologin
1990 Umwandlung in Erzgebirgische Backwaren GmbH
Übernahme der Geschäftsleitung durch Martina Hübner
1992 Privatisierung Erzgebirgische Backwaren GmbH
2001 Mehrheitsgesellschafter bei der Annaberger Modellbahnen GmbH & Co. KG
2007 Umbenennung in Annaberger Backwaren GmbH

Fakten

Umsatz:
ca. 8 Millionen Euro jährlich

Mitarbeiter:
190 (davon 15 Auszubildende, und zusätzlich rund 50 Saisonkräfte)

Filialnetz:
gesamt 45, davon 6 mobile Verkaufsfahrzeuge, 6 Tagescafés und 33 Verkaufsfilialen sowie rund 100 Fremdverkaufsstellen, z.B. Supermärkte

Überhäuft mit Auszeichnungen:

1990/1991 erhielten wir auf der IBA in München von über 1000 Bäckereien den begehrten Stollenoskar (1. Preis).

1997: Medien- und Wirtschaftspreis „Großer Preis des Mittelstandes“ der Oskar-Patzelt Stiftung

1998: CMA-Spezialitätenpreis

2000 / 2006„Bester Ausbildungsbetrieb“

2001 „Prix Veuve Cliquot für die Unternehmerin des Jahres“;

2002 Marktkieker“ – der wichtigste Branchenpreis für die innovativsten Bäcker in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Jährliche Auszeichnungen der Produkte durch die DLG und CMA

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