Idee und Text von Juergen Christ und Cathrin Guenzel unter Mitwirkung von Wau Holland, CCC (+ 2002). Der Artikel wurde 1992 in der Leipziger Volkszeitung veröffentlicht.
Dieser Artikel ist meinem verstorbenen Freund Wau Holland gewidmet.
Dresden, 1992
“Wollen Sie die totale Demokratie?” A.Schickelgruber lacht in die Kamera, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Im Arm den drall-blonden Volksliedstar Eva Gruen. “Woll…” Eine Hand faellt auf die Tastatur, schaltet den Ton weg. Ein mueder Blick auf die Uhr: punkt acht. Herbert steht auf. Wie jeden Morgen weckt ihn sein Volkscomputer. Lautlos bewegen sich die Figuren ueber die Mattscheibe. Der Kandidat Wolfgang Kuehnen erscheint im Bild. Seit Wochen tobt der Wahlkampf auf allen Kanaelen. Herbert geht ins Bad. Eine halbe Stunde spaeter weckt er Katharina, seine Frau. Gemeinsam sehen sie sich die allmorgendliche Verkaufs-Spielshow an. Dann muss sie ins Satellitenbuero. Herbert wartet zu Hause auf seine Auftraege. Seit zehn Jahren arbeitet er als Verkaeufer fuer das Grossunternehmen Digitel. Der Volkscomputer ist zugleich sein Tele-Arbeitsplatz. Kommen keine Anfragen, schaltet er sich ins Allgemeine Programm (AP), zwischen Spielfilm und “Ohne Preis kein Fleiss” findet sich immer ein gutes Kommunikations-Spiel. Beide haben wie Millionen andere Paare keine Kinder.
Katharina nimmt den Bus. Am anderen Ende der Stadt, in der zwoelften Etage eines modernen Gewerbehochhauses, haben sie und drei andere Frauen sich nach der europaeischen Wirtschaftswende in einem gemeinsamen Buero eingerichtet. “Hallo, Kati!” toent es ihr entgegen. “Morgen Mona.” Kati nimmt vor ihrem Bildschirm Platz und blaettert die Mailbox, den “elektronischen Briefkasten” durch. Alles wie immer. Nachbarschaftsbueros waren eine US-amerikanische Erfindung der 70er Jahre.
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