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Claudia Kieserling zählt zu einer der führenden Expertinnen für Frauen- und Männerfüße – und produziert mit ihrem Münchner Unternehmen Selve erfolgreich individuelle Luxus-Schuhe.

Mein Artikel erschien 2011 in der Unternehmerzeitschrift Profirma.

Ob es stürmt, regnet oder schneit: Die Vorstandsvorsitzende der Münchner Selve AG steigt wie jeden Morgen um sieben auf ihr Fahrrad, um von ihrer Stadtwohnung in das Büro in der Sendlingerstraße zu fahren. Claudia Kieserling trägt eines ihrer 60 Paar Schuhe, Größe 38 einhalb, Schuhe sind für sie Gebrauchsgegenstände. Im ersten Stock des historischen Singelspielerblocks mit idyllisch begrüntem Hinterhof und historischem Brunnen residiert ihr Unternehmen: Selve, „The Shoe Individualizer“, so der Firmenslogan.

Neben den klassischen Büros sorgt hier im ersten Stock ein spezieller Showroom für eine angenehme Atmosphäre der meist besser verdienenden Kunden, von denen etwa 15 bis 20 täglich nach individueller Terminvereinbarung vorbei schauen. An diesem Morgen kümmert sich Claudia Kieserling persönlich um eine ganz besondere Kundin. Die Schauspielerin Franka Potente besucht Selve, um sich ein exklusives Paar Designerschuhe für eine Filmgala abzuholen. Potente, eine gemeinsame Freundin von Kieserling und ihrem Ehemann, einem Münchner Filmproduzenten, weiß die Dienste der 47-Jährigen Schuhfabrikantin zu schätzen: „Bei Selve bekomme ich individuelle Schuhe, die garantiert immer passen.“ Franka Potente ist nicht die einzige prominente Künstlerin, die sich bei Selve speziell angepasste Schuhe fertigen lässt.

Kein Schuh, der drückt

Die Schauspielerin gehört zu den zahlreichen Kundinnen, deren Füße mit einem speziell entwickelten 3D-Scanner in München vor Ort vermessen wurden. Kunden können ihren Wunschschuh auch per Internet bestellen. Dazu füllen sie online einen Fragebogen aus und erhalten anschließend eine Schablone zum Ausdruck, um die exakte Passform zu überprüfen, damit der fertige Schuh später nicht drückt. Alle Daten werden nach einem von Kieserling eigenes entwickelten Vermessungssystem anschließend in einer Datenbank gespeichert. So bleibt Design allein der weiblichen – oder auch männlichen – Phantasie überlassen: Kunden bestimmen für jedes Paar neue Schuhe Material, Farbe und Form – Selve garantiert die Passform. Kieserling besetzt mit ihrem Unternehmenskonzept eine Nische: Modische Designerschuhe, exakt passend und funktional. Und das zu einem Preis unter 300 Euro.

Als Kind schon Schuhe geliebt

Die Idee, Schuhfabrikantin zu werden, entstand nicht spontan. Claudia Kieserling blickt auf eine langjährige Leidenschaft zurück, die bereits in ihrer Kindheit begann. „Meine Mutter verzweifelte manchmal mit mir, weil die Schuhe, die mir gefielen, immer die teuersten waren“, erinnert sie sich und lehnt sich hinter ihrem aufgeräumten Schreibtisch zurück. An ihren hohen Bürowänden hängen zwei Bilder von Künstlern: ein großformatiges Foto sowie ein Gemälde, als Motiv natürlich Schuhe. Auf dem Holzschreibtisch in der Ecke liegen mehrere Material- und Farbmuster, Reste einer Besprechung vom Vortag mit Materiallieferanten. Der Raum, mit edlem Parkett ausgestattet, riecht nach Leder. Claudia Kieserling wird heute das Büro nicht vor 19 Uhr verlassen, wie jeden Tag. Schon als Teenager interessierte sie sich stark für Mode, nähte und bedruckte Textilien und entschied sich schließlich mit 18 für die Schuhe als Gegenstand ihrer Kreativität. Die gebürtige Bochumerin war eine unwillige, eher unruhige Schülerin. „In der Grundschule hatte ich nur verstörte Nachkriegslehrer, wir haben immer nur mit Angst und Drohungen gearbeitet“, erinnert sie sich heute. Am Gymnasium entwickelte sich die Schuhfabrikantin zu einer aufsässigen Jugendlichen, die Noten wurden schlechter und sie machte schließlich ihr Abitur mit einer knappen drei. Kein Lehrer ahnte, dass der rebellische Teenager Jahrzehnte später den begehrten redot-Design-Award für eine von ihr patentierte Schuhsohle erhalten und für den Designpreis von Deutschland nominiert werden würde. Die Riskofreudigkeit als Unternehmerin erbte sie vom Vater. Ein Angestellter der nebenbei unternehmerisch tätig war, während die Mutter als Hausfrau die Familie zusammen hielt. Claudia hat zwei Schwestern, eine arbeitet heute als Requisiteurin, die andere als Künstlerin und Mediengestalterin. Ihr Handwerk lernte sie in einer zweijährigen Lehre bei Ara, einer großen deutschen Schuhfabrik, ansässig in Langenfeld, einem kleinen Nest, das der Cosmopolitin schnell langweilig wurde: „Ich mochte Köln viel lieber, zum ausgehen und für Konzertbesuche“ sagt sie und lacht. Ihre Lehre schloss sie als Schuhfertigerin ab, was dem Schuhmacher in der Industrie entspricht. Anschließend zog es sie nach Italien, wo sie in zahlreichen Designbüros arbeitete, bevor sie schließlich bei namhaften Schuhherstellern höhere Positionen besetzte.

Richtiger Riecher für weibliche Füße

In St.Gallen macht sie 1997 dann ihren MBA-Aschluß, inzwischen gereift und entschlossen, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, etwas, was sich „schnell auf kurzen Wegen und ohne Konzernstruktur umsetzen lässt.“ Claudia Kieserling sieht sich selber als Teamplayer, räumt aber ein: „Ich bin einfach keine gute Befehlsempfängerin.“ Ungeduld und Willenskraft sind ihre Stärken und gleichzeitig ihre Schwächen. „Manchmal bin ich auch verbohrt und starrköpfig“, meint sie nachdenklich. Die kinderlose Unternehmerin liebt ihre Arbeit und meidet nach Möglichkeit öffentliche Auftritte: „Ich bin sozial nicht sehr ausgeprägt, mag mich selbst nicht gerne darstellen. Als Small Talkerin für Cocktail-Empfänge bin ich partout nicht geeignet“, sagt sie.

Kieserling arbeitete von Beginn an eng mit Wissenschaftlern zusammen. Für das Selve-eigene Schuhvermessungssystem gab sie eine Untersuchung bei der Technischen Universität München in Auftrag. Sie bewies mit ihrer Starrköpfigkeit ihren guten Riecher für den weiblichen Fuss, wie sich Jahre später herausstellt. Eine Untersuchung der „Initiative passender Schuh“ aus dem Jahr 2010 ergab, dass den Deutschen der Schuh drückt: mehr als 82 Prozent der Bevölkerung trägt demnach unpassende Fußbekleidung.

In Deutschland gilt Claudia Kieserling auch als Expertin für „Mass Customization“, der Massenfertigung von personalisierten Produkten, was ihr in der Branche einen guten Ruf bescherte. „Claudia Kieserling ist eine der deutschen Mass-Customization-Pioniere. Sie ist
mit ihrem Produkt und ihrem Anspruch an die Qualität und das Erlebnis, das sie ihren Kunden vermitteln will, in einem sehr anspruchsvollen Bereich eingetreten und hat einen sehr hohen Anspruch an sich selbst. Wie kaum ein anderer Unternehmer hat sie sich aber sehr innovativ und flexibel über die Jahre weiterentwickelt“, bescheinigt ihr Professor Frank Piller, von der RWTH-Aachen und einer der weltweit führenden MC-Experten: „Ihr Weg ist wirklich außergewöhnlich“. Kieserling beschritt ihren Weg des ewigen Lernens weiter konsequent, kooperierte stets mit Forschungsinstituten oder Universitäten und nimmt heute wieder an einer Öko-Studie teil, welche die Nachhaltigkeit von Massen- und Einzelproduktionen untersucht.

Die perfekte Manufaktur in China

Die Einzigartigkeit, Mode, Komfort und Passform für Frauenschuhe erfolgreich umzusetzen, musste sich die Münchner Geschäftsfrau hart erkämpfen. „Die ersten drei Jahre waren sehr mühsam – und dann kamen die Jahre der Verzweiflung, weil die Produktion nicht lief. Ich habe sehr darunter gelitten“, erinnert sie sich. „Ohne die Unterstützung meines Mannes und meiner Familie hätte ich es nicht geschafft“. Von 2000 bis 2007 setzte die 1,76 Meter große „Powerfrau“, wie sie ihre Mitarbeiterinnen bezeichnen, auf italienische Manufakturen. „Es ging einfach nicht voran, sie waren nicht schnell genug, unzuverlässig und unflexibel“, schimpft sie. Erst später fand sie eine eigene Manufaktur mit 20 Mitarbeitern – im Süden Chinas. „Die langen Wege sind zwar scheußlich, aber die Mitarbeiter sind hoch motiviert und gut ausgebildet. Es fehlt vor allem nicht an Nachwuchs“, attestiert sie ihren asiatischen Kollegen. Am Münchner Standort arbeiten inzwischen fünf Mitarbeiterinnen, zuständig für Verwaltung und Verkauf. Darunter Leila Alavi, die seit drei Jahren fest angestellt ist. Sie ist zuständig für Grafik und Webdesign. „Wahnsinnig effizient, vielseitig, nüchtern, kühl, aber mit großer Leidenschaft für ihren Beruf“, beschreibt sie ihre Chefin. Ihre Mitarbeiterinnen schätzen an ihr, dass sie Verantwortung teilt und ihnen Freiräume lässt. Der Umgangston ist locker, alle sind per „Du“. Das Konzept ging auf, die Stammkundschaft wächst und 2005 kam eine Londoner Filiale hinzu.

Um kaufmännisch und vom Management sicher aufgestellt zu sein, gründete sie eine kleine Aktiengesellschaft mit erfahrenen Männern aus der Branche, darunter der Geschäftsführer des kanadischen 3D-Fußscanner-Herstellers. „Sie haben mir Mut gemacht, und ich weiß ihre Meinung sehr zu schätzen, wenn ich sie frage, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin“, meint Kieserling. Sie ist eine Unternehmerin, die vieles oft in Frage stellt und erst nach mehr als 10 Jahren mit mehr Gelassenheit auf Ihr risikoreiches Vorhaben zurück blickt.

Berghütte statt Luxus

Geld und Erfolg zählten nie zur Motivation der erfolgreichen Unternehmerin. „Es ist die Freude, das zu tun, was ich mag, das ist das schönste an meiner Arbeit“, sagt sie und vergisst dabei nicht die Menschen, die ihr geholfen haben: „Mein Mann ist ein ganz großer Förderer. Er glaubt an mich und an Selve. Auch mein Schwiegervater hat sehr viel geholfen.“ Ihr Startkapital kam aus privatem Kreis und betrug nur wenige tausend Euro. Claudia Kieserling fährt weiterhin Fahrrad, empfindet mit ihrer pragmatischen Veranlagung große Autos eher als hinderlich. Der Luxus, den sie sich gönnt, besteht aus einer eigenen Berghütte in den Alpen und gemeinsamen Reisen mit ihrem Mann, im vergangenen Winter nach Argentinien, Ostern zuvor nach Peking oder mit Freunden zur Bienale nach Venedig. Im Alltag haben ihr Mann und sie kaum Zeit, sind Meister im Kurzurlaub machen, sei es zu Filmfestivals oder mal ein Wochenende nach Hongkong.

Trotz mancher Gedanken, die Firma einmal zu verkaufen und sich einstellenden Altersweisheiten („Irgendwann wird es wichtig, auch etwas anderes wichtig zu finden“) bleibt Claudia Kieserling dem Schuh an sich verbunden, der für sie Schönheit und Ästhetik bedeutet, aber auch etwas rein praktisches ist, ein „diffiziles Teil“, das dem Fuß hilft und ihn nicht quält. „Ich vergesse manchmal Namen und Gesichter von Menschen, aber niemals ihre Schuhe, die sie tragen.“