Christian Wegener
Ein Berliner betreibt mit Momox das größte deutsche Internet-Ankaufsportal für gebrauchte Bücher, DVD, CD sowie Spiele – und bringt damit den Auktionsriesen Ebay in Bedrängnis.

Mein Artikel erschien 2010 in der Unternehmerzeitschrift Profirma.

Seine ersten unternehmerischen Ideen entstanden bei einem Spaziergang durch die Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. Christian Wegner kaufte gebrauchte Bücher bei türkischen Händlern und bot sie bei Ebay an. „Ich war verwundert, wie schnell man damit Geld verdienen kann und wie hoch die Gewinnspanne ist“, erinnert sich Wegner heute. Dabei sah es vor acht Jahren eher düster für ihn aus.

Vom Arbeitslosen zum Millionär

Nach dem Abitur wurde der in Rüdersdorf bei Berlin geborene Wegner zunächst Groß- und Außenhandelskaufmann. Er verdiente 900 Euro netto im Monat. Als 2003 sein Arbeitsvertrag nicht verlängerte wurde, zog er arbeitslos nach Berlin. Auch ein dreimonatiges Bewerbertraining – verordnet vom Arbeitsamt – blieb ohne Erfolg. Wegner fand einfach keinen Job. Was er damals noch nicht ahnte: Nur wenige Jahre später ist er Chef seiner eigenen Firma, die jährlich mehr als 20 Millionen Euro umsetzt.

„Die Arbeitslosigkeit war eine gute Auszeit, sehr bereichernd und ich entdeckte so das Internet“, erzählt der 31-Jährige Kaufmann. Als Autodidakt lernte er programmieren und entwickelte das Einkaufsportal „Buy and Help“. Von den Händlerprovisionen aus dem Portal floss ein Teil als Spende an Hilfsorganisationen. Es reichte allerdings nicht, um davon leben zu können. Der zweite Versuch, ein Portal zur Handwerkersuche („Die kleinen Helfer“) brachte ebenfalls nicht den erhofften Erfolg. Im Jahr 2004 begann Wegner, gebrauchte CD und DVD zu kaufen und wieder zu verkaufen – bei Ebay und später auch über Amazon. Er spezialisierte sich auf komplette Sammlungen und startete seine Firma aus der heimischen Wohnung, die gleichzeitig als Lager diente. Von Supertramp bis Pink Floyd – Meterweise stapelten sich inzwischen die CD-Hüllen im Wohnzimmer und Flur.

Zu dieser Zeit entwickelte der clevere Kaufmann eine Software, die automatisiert Händlerpreislisten im Internet abfragte und so den besten Einkaufs- und Verkaufspreis sowie die Gewinnspanne ermittelte. Das Lager wuchs weiter. Bald wurde es eng in seiner Wohnung. Erst als ihn Freundin Nadja vor die Wahl stellte „entweder die Gebrauchtwaren oder ich“, mietete er sich Ende 2004 das erste 20 qm große Lager: der Startschuss für sein Unternehmen. Ein arbeitsloser Freund half, das Startkapital von 1500 Euro lieh ihm Freundin Nadja, die auch den Namen „Momox“ erfand – „Moderner Medien-Online-Express-Ankauf“. „Sie hat den entscheidenen Schritt getan und mich vor allem immer seelisch und moralisch unterstützt“, meint Wegner. Bereits 2005 verdiente Wegner rund 2.000 Euro monatlich, konnte von seinem neuen Geschäft leben. Eigentlich habe er ja nur bei Ebay Zeug verkauft, das als unliebsames Geschenk oder Staubfänger in den Regalen zahlreicher Internet-Nutzer sinnlos herum lag.

Kuschelatmosphäre im Unternehmen passé

Mit der rasant steigenden Nachfrage im Jahr 2006 konnte das weltweit größte Online-Auktionshaus Ebay als Einkaufskanal nicht mehr mithalten. Daher stellte der mittlerweile zum Vollzeitunternehmer gewachsene Kaufmann eine Einkaufsplattform ins Netz und gründete drei Jahre später eine GmbH. Schon Ende 2006 zog das Unternehmen in ein 2.500 qm großes Lagerhaus nach Berlin-Lichtenberg. Momox beschäftigte nun knapp 50 Mitarbeiter, die meisten ehemalige Langzeitarbeitslose und „schwer Vermittelbare“. 2008 erweiterte er das Sortiment um gebrauchte Bücher, 2009 kamen Computer- und Konsolenspiele hinzu. Mit seinen Mitarbeitern war Christian Wegner anfangs per Du. Das ändert sich schlagartig mit dem rasanten Wachstum im vergangenem Jahr. „Am Anfang kannte ich noch alle Mitarbeiter persönlich“, schwelgt Wegner in melancholischer Erinnerung. „Wir hatten ein tolles Verhältnis und viel Spaß. Es war richtig kuschelig“. Erfolg hat auch Schattenseiten, musste er feststellen: „Ich und meine Stammmitarbeiter sind schon etwas traurig darüber. Es ist alles etwas anonymer geworden. Viele der Neuen kenne ich heute nicht einmal mehr mit Namen“.

„Keine acht Stunden absitzen“

Der hagere, etwa 1,80 Meter große Wegner wirkt rast- und ruhelos. Ständig denkt er über neue Ideen nach und optimiert sein Geschäft. Dabei wirkt er rein äußerlich nicht wie ein klassischer Kaufmann, der über Zahlen und Bilanzen hockt. Mit seinen kurzen Haaren, Brille, T-Shirt, Jeans und Turnschuhen verkörpert er den modernen Internet-Jungunternehmer, der „nicht so gerne seriös“ aussehen möchte und keine Anzüge mit Krawatte mag. Noch vor wenigen Jahren zog er lieber durch die Tekkno-Clubs von Berlin, machte auch mal selber als DJ elektronische Musik. „Heute finde ich leider nicht mehr die Zeit. Abgesehen davon: Mit 31 und als Vater bin ich langsam daraus gewachsen“, räumt er grinsend ein. Schon in seiner Jugend wusste Wegner: Das Angestelltendasein wird ihm nicht behagen. Er wollte etwas schaffen, etwas erreichen, keine acht Stunden absitzen. „Der Wunsch, unternehmerisch tätig zu sein, hat einfach schon früh in mir geschlummert“.

Heute beschäftigt Momox rund 150 Mitarbeiter, davon rund 140 in der Logistik. Auch das Logistikzentrum hat sich vergrößert, operiert mittlerweile aus einem 8.000 qm großen Lager in Berlin-Neuenhagen. Wegner bezog mit Programmierern und Managern ein neues Büro in Berlin-Mitte, in der Nähe des Ostbahnhofs. Während Wegner an diesem Morgen in seinem Büro, in dem das kreative Chaos herrscht, an seiner neuesten Idee brütet – dem Ankauf von weiteren gebrauchten Waren – fuhren am Lager bereits drei LKW vor, beladen mit knapp 2.000 Paketen, die durchschnittlich 25 Artikel enthalten. Rund 1,5 Millionen Artikel lagern in dem ehemaligen BMW-Lager. Seit 2006 verkauften mehr als 165.000 Kunden rund 7,5 Millionen gebrauchte Artikel an den virtuellen Flohmarkthändler aus Berlin. Seine Erfolgsgeheimnisse: Zeit und Vereinfachung. Kunden erfahren auf der Website von Momox durch Eingabe eines Barcodes sofort, welchen Preis sie erhalten und zahlen weder Einstellgebühr – wie bei Ebay – noch Versandkosten. Ab sechs Artikeln lässt Momox die Waren von DHL zu Hause abholen. Wegner machte die Nachteile von Ebay zu seinen Vorteilen, was ihm durch sein rasantes Wachstum in der Branche den Namen „Ebay-Killer“ einbrachte. Sein zweiter Erfolgsfaktor ist Zeit. Binnen zwei Wochen nach Wareneingang verkaufen er und sein Vertriebsteam rund 30 Prozent der gebrauchten Waren wieder – über eine eigene Verkaufsplattform, andere Internet-Marktplätze oder regionale Händler. Und ganz nebenbei leistet er und sein Unternehmen einen Beitrag zum Umweltschutz: Momox nimmt gebrauchte CD und DVD zum kostenlosen Recycling entgegen.

„Nur ein kleiner Mercedes als Luxus“

Aus dem damaligen Ebay-Händler und Tekkno-DJ wurde ein Unternehmer mit 60-Stunden-Woche, nicht immer zur Freude seiner Lebensgefährtin, die als studierte Akademikerin auf die beiden ein und drei Jahre alten Kinder aufpasst. Ihren letzten Urlaub verbrachten sie gemeinsam mit ihren Kindern im August. In aller Bescheidenheit – eine Woche Hockenheim, eine Woche Vogtland. Hinter dieser Bescheidenheit verbirgt sich auch ein wenig Angst. „Ich fliege nicht gerne, weil ich immer denke, dass die Maschine abstürzt, wenn ich einsteige“, sagt der Unternehmer. Dennoch plant er sein Geschäft auf andere europäische Länder auszudehnen. Wegner ist Familienmensch, verzichtet auf großen Luxus – und statt Sportwagen wurde es „nur ein kleiner Mercedes, weil der eben kindertauglich ist“.

Zum weiteren Ausbau seines Unternehmens, dessen Umsatz sich jährlich verdoppelt, engagierte Wegner mit Timm Langhorst einen erfahrenen Marketingmanager. Langhorst über Wegner: „Der hat was drauf. Es ist vor allem sein ehrlicher Charakter und seine direkte Art, die Freude an der Zusammenarbeit machen“. Langhorst, Inhaber der auf Online-Marketing spezialisierten Agentur AFPM, erhielt erst kürzlich den zanox-Marketing-Award, zeichnet bei Momox inzwischen als zweiter Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb verantwortlich. „Affiliate Marketing ist unser wichtigster Marketingkanal geworden“, erläutert Wegner seine Vermarktungsstrategie.

„Man braucht Zeit, um mich zu mögen“

Um das immense Wachstum zu begleiten und zu kontrollieren, holte Wegner 2009 auch die beiden „Business Angels“ und Investoren Mark Gazecki und Christoph Janz mit „ein wenig Kapital im kleinen Prozentbereich“ in sein Unternehmen. „Mich haben bei Momox verschiedene Dinge unheimlich beeindruckt: Zunächst einmal die Idee, die so einfach wie genial ist und die einen unglaublich hohen Kundennutzen mit einem profitablen Geschäftsmodell verbindet. Außerdem – genauso wichtig – Christian Wegner als Person, der es trotz oder gerade wegen seines ungewöhnlichen Werdegangs geschafft hat, fernab jeglichen Hypes ein grundsolides, aber innovatives und schnell wachsendes E-Commerce-Unternehmen aufzubauen“, erläutert Janz seine Beweggründe.

Dabei ist Wegner kein einfacher Zeitgenosse, wie ihm seine Freunde bescheinigen. „Man braucht etwas Zeit, um zu wissen, wie ich ticke und um mich zu mögen“ meint der junge Familienvater und Firmenchef. Es ist vor allem sein unterschwelliger Humor, der es schwer macht, ihn auf Anhieb ernst zu nehmen. Nach seinen weiteren unternehmerischen Zielen befragt, antwortet er trocken: „Die Weltherrschaft“ und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Danach muss ich schauen, was ich an Abstrichen machen kann“. Wegners Motivation liegt nicht im Reichtum, es ist vor allem der Erfolg, zu sehen, dass seine Ideen funktionieren. Dabei bezeichnet sich der „Ebay-Killer“ als eher faulen Zeitgenossen. Sein Abitur macht er mit einer durchschnittlichen Note drei, „ohne dafür großartig zu lernen. Auswendig lernen war nie mein Fall. Fleißige Menschen erfreuen sich daran, nach einer Stunde ihre Arbeit zu beenden. Ich versuche durch Optimierung des Arbeitsprozesses aus der Stunde eine halbe zu machen“, erläutert er sein unternehmerisches Minimalprinzip. „Doch meist werden aus diesem Versuch eher zwei Stunden“, fügt er lachend hinzu und notiert wieder eine neue Idee an seinem PC, die er später in stundenlanger Arbeit mit Liebe zum Detail ausbrüten wird. Am heimischen Schreibtisch. Mit Kind auf dem Schoß.